Die Wasserrute

 

Getreu dem Motto "es gibt kein schlechtes Wetter, nur unpassende Kleidung" ist für die Retrieverfreunde auch die kalte Jahreszeit Trainingszeit. Auch für alle aktiven Jäger ist in Herbst und Winter die hohe Zeit der Enten - und Treibjagden. Endlich kommt der Retriever in seinem Metier zum Einsatz und jeder Jäger oder auch passionierte Hundeführer freut sich über eine Einladung zu einem "picking up", sei es nun mit oder ohne Wassereinsatz. 

Trotzdem bleibt die Freude über einen gelungenen Jagdtag nicht ungetrübt, wenn der treue Apportierer abends plötzlich nicht mehr mit fröhlich wedelnder Rute aus dem Auto springt, sondern mit traurig hängendem Schwänzel vorstellig wird. 

Besorgniserregend ist vor allem der Allgemeinzustand der betroffenen Patienten. Nicht nur, dass die Rute völlig schlaff, wie ein Lämmerschwanz herabhängt, die Hunde leiden auch unter massiven Schmerzen, können sich nicht setzen, legen oder springen.
Treppensteigen und der Satz ins Auto werden zum unüberwindbaren Hindernis und der Hund scheint die Kontrolle über die Rute völlig verloren zu haben.
Ganz abgesehen von der körperlichen Beeinträchtigung leiden die Tiere auch offensichtlich unter ihrer eingeschränkten Ausdrucksmöglichkeit . Jedes Lächeln tut weh", was den traurigen Eindruck zusätzlich verstärkt. 

 

Krankheitsbild und Verlauf beim "broken tail","dead tail" oder Wasserrute

 

Erste Anzeichen nach 2 1/2 Tagen aktiver Such- und Stöberjagd in Feld und Wald, bei ca. -2 Grad C und stark windigem Wetter, sowie relativ hoher Luftfeuchtigkeit, aber ohne längere Steh- und Sitzpause. Am 3. Tag wurde die Rutentätigkeit am Nachmittag bei der Suche immer träger und die aktive Suche schwächte deutlich sichtbar ab. Nachts hatte der Hund derartige Schmerzen, daß er ständig unruhig war, winselte und nicht zur Ruhe kam. Auch die nach Absprache mit dem Tierarzt eingesetzten Schmerztabletten brachten nur wenig Linderung.

 


Dieser, vielen Labrador- aber auch Golden Retrieverbesitzern bekannte schmerzhafte Zustand der "Wasserrute", der im angloamerikanischen Sprachgebrauch auch als " cold water tail ", " Iimber tail syndrome ", " broken tail „ oder " dead tail " geläufig ist, ist eine relativ häufig auftretende Erscheinung bei Sport- und Jagdhunden verschiedener Rassen.

Besonders betroffen scheinen Labrador und Golden Retriever, Setter, Pointer, Flatcoats, Foxhounds und Beagles zu sein. Wobei weniger von einer typischen Rassedisposition gesprochen werden kann, als von einer individuellen Veranlagung zu vermehrter Rutentätigkeit während der Arbeit oder auch bei ausgelassenem Spiel. 

Es besteht scheinbar ein Zusammrnhang zwischen der Länge und dem Gewicht der Rute der temperamentvollen „ tail action „ und der Art des Einsatzes des Hundes. 

Da sich die meisten Hunde innerhalb von 3-5 Tagen wieder vollständig erholen, wird die Erkrankung gerade von erfahrenen Besitzerrn oftmals nicht ernst genommen und dem Tierarzt vorgestellt. Dennoch handelt es sich um einen äußerst schmerzhaften Zustand, der dem Hund Unbehagen und schlaflose Nächte beschert.

Leider erkranken vorbelastete Hunde häufig wiederholt und der Verdacht liegt nahe, dass häufig betroffene Hunde immer leichter eine Wasserrute dauerhaft nicht mehr so hoch wie vor der Erkrankung oder schief getragen wird.

Dem Tierarzt vorgestellt, gestaltet sich gezielte Diagnostik schwierig. Leider ist der Ausdruck "Wasserrute" oft nicht geläufig. da es sich um einen Trivialbegriff aus dem Hundewesen handelt. 

Auf den Verdacht hin, ich könnte vielleicht nur die entsprechende Vorlesung verpasst haben, stellte ich in unserer Praxis meinen Kollegen und Praktikanten „Wasserrute“ als Ouizfrage zur Diskussion und musste feststellen, dass kaum jemand etwas damit anfangen konnte. Vor allem konnte ich auch in der Fachliteratur kaum Hinweise auf einen einschlägigen wissenschaftlichen Begriff und weiterführende Information finden.

 

Der erste Eindruck legt eine Verletzung oder sogar eine Fraktur ( Bruch) eines der oberen Schwanzwirbel nahe und sollte auch bei einem scheinbar eindeutigen Vorbericht röntgenologisch ausgeschlossen werden.

Durch vorsichtiges Abtasten der Rute und vor allem des Schwanzansatzes kann der Schmerz am Übergang von den letzten Kreuzwirbeln zu den ersten Schwanzwirbeln lokalisiert werden, was zu einem scheinbaren Lähmungszustand der gesamten Rute führt.

 

Manchmal kann auch eine leichte Schwellung der Muskulatur an der Unterseite der Rute festgestellt werden. Differentialdiagnostisch kommen natürlich "echte" Lähmungserscheinungen

durch nervale Traumata in Frage (z.B. auch bei Arthrose/Spondylaarthrose der Wirbelsäule, Bandscheibenvorfall).Diese regenerieren sich allerdings erfahrungsgemäß nicht so schnell und vollständig wieder.Die "Wasserrute-Patienten" zeigen keine Beeinträchtigung des übrigen Bewegungsapparates und sind reflektorisch unauffällig.

Ursächlich betrachten wir ein multifaktorielles Geschehen: Kälte, sei es nun in Form von Arbeit im Wasser oder bei niedrigen Temperaturen, kaltem Wind oder Schnee begünstigt die Entstehung. Apportierhunde müssen ja bekanntlich viel warten und sollten dies hauptsächlich im Sitzen, das Geschehen aufmerksam beobachtend, tun.

Gezwungenermaßen kommt es zu Unterkühlungszuständen des empfindlichen ( vielleicht sogar nassen ?) Schwanzansatzbereichs.

Wird der Hund schließlich zur Arbeit geschickt, wird er außerordentlich eifrig und temperamentvoll seinen Jagdtrieb mit viel "tail-action" kundtun. Naheliegend, daß es dadurch zu einem Energiemangelzustand an der Muskulatur kommen kann, der gfördert durch Kälte und Ermüdung zu einer Minderdurchblutung und stoffwechselbedingten Übersäuerung (anaerobe Laktatbidung) führt.

 

Dieser Zustand, den jeder Sportler als Muskelkater kennt, kann zu einer regelrechten Muskelentzündung mit Zerstörung von Muskelzellen und " Microtraumata " von Muskelfasern führen. Diese Zusammenhänge sind in der Pferdemedizin gut bekannt und erforscht.

Es wird auch eine Dehydration (Wassermangelversorgung) als begünstigender Faktor in Verbindung mit großer Anstrengung vermutet.

 

Leider konnte ich zu diesem Thema beim Hund keine wissenschaftlichen Belege in der Tiermedizin finden. Meine Vermutungen beruhen also nur auf Beobachtungen in der Praxis. 

Eine U.S.-amerikanische Quelle berichtet, dass Studien anhand der Analyse von Blutwerten noch ausstehen. bzw. in Arbeit sind. Es gibt bereits Hinweise, dass eine Erhöhung der Muskelenzymwerte stattfindet. (Quelle: www.working-retriever.com/library/cwtail.html)

Therapeutisch gibt es auch nur wenig wissenschaftlich fundierte Ansätze. Aufgrund der zum Teil dramatischen Symptomatik steht die Schmerzbekämpfung im Vordergrund. 

Es bieten sich die gängigen schmerz- und entzündungshemmenden Pharmaka an. Die starken Schmerzen rechtfertigen in extremen Fällen sogar den Einsatz von Opioiden durch den Tierarzt. 

 

Auch in der biologischen Tiermedizin bieten sich die schmerzstillenden Präparate an: z.B. - Arnica, Rhus toxicodendron usw. oder das Kombinationspräparat Traumeel. 

Leider ist deren Wirkung nicht prompt genug um dem Patienten schnell Linderung zu verschaffen, bewähren sich aber im Dauereinsatz, zur Vorbeuge und in der Regenerationsphase.

Von den meisten betroffenen Hunden wird Wärme z.B. in Form einer Rotlichtlampe oder Wärmflasche dankbar angenommen. Als Vorsichtsmaßnahme sei jedem Hundeführern geraten seinen Hund nach der Wasserarbeit gründlich abzutrocknen und aufzuwärmen. Eine besondere Decke oder Mantel finden Sie hier. Vermeiden Sie lange kalte Warte- und Transportzeiten im Auto. Achtung: auch während der Fahrt wärmt sich der Kofferraum eines - Kombifahrzeugs (womöglich noch mit Hunde-transportbox ausgestattet) nur unzureichend auf. 

Achten Sie auf regelmäßige, ausreichende Flüssigkeitsversorgung des Hundes (Manche Hunde nehmen unter Stress nicht genug Wasser auf, nehmen aber geschmacklich aufgebessertes Wasser mit etwas Milch oder Brühe gerne)

Es hat nichts mit „verzärteln“ zu tun, wenn man seinen Jagd- oder Sportkameraden nach einem anstrengenden Tag aufmerksam versorgt! 

Leider ist auch ausreichendes Konditionstraining und Abhärtung des Hundes keine Gewähr für die Vermeidung einer Wasserrute, da sich die meisten Hunde in besonderen jagdlichen oder prüfungsbedingten Situationen übereifrig verausgaben. 

von Julia Enz (julia.enz@gmx.de) 

 

 

 

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